Technik und Körper: Wenn Schreiben weh tut

Laptop, Tablet, Smartphone sind die Hardware-Schnittstellen zwischen Mensch und digitaler Information. Durch sie sind wir ans Netz angeschlossen. Es sind allerdings auch Geräte, die dem Körper eng definierte Bewegungen abfordern.

 

Technik und Körper verschmelzen schon lange vor dem Cyborg-Zustand, indem sich der Körper auf die Geräte einstellt, die er häufig benutzt. Physiotherapie wird ein einträglicher Beruf bleiben, denn die Bewegungsmuster beim Medienkonsum und beim Schreiben technischen Geräten sind für die Wirbelsäule leider nicht die gesündesten.

 

Die Deutschen verbringen durchschnittlich anderthalb Stunden im Netz, Jugendliche etwa doppelt so viel. (Genauere Daten: http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/)

 

Zählen wir bei schreibenden Tätigkeiten das Lesen und Recherchieren am Bildschirm und das Schreiben mit der Tastatur hinzu, kommen manchmal zwischen acht und zwölf Stunden Bildschirmarbeit und Geräte-/Tastaturbedienung zusammen, die zu typischen, meist eingefrorenen Bewegungsmustern und damit zu Verkrampfungen, chronischen Haltungsschäden, Gelenk- und Muskelüberlastungen und Entzündungen führen können.

 

In meinem Bekanntenkreis (inclusive mir selbst) war es üblich, am Ende einer akademischen Abschlussarbeit Rückenschmerzen und Verspannungen bis hin zu unerklärlichem Muskelkater zu entwickeln. Wahrscheinlich gesellen sich bei „Auftragsarbeiten“ zu der andauernden Fehlhaltung beim Schreiben – zum Freezing vor dem Bildschirm – auch noch innere Stressoren: Termindruck, Leistungsdruck und unbewusste Existenzängste, die Verspannungen verstärken.

Ergonomie am Schreibtisch
typische Haltung am Schreibtisch

Bei Schreibtisch-Arbeitenden sind die Muskulatur des Nackens, der unteren Lendenwirbelsäule und der Hüftstrukturen anfällig für Schmerzen und Fehlfunktionen:

 

Die Muskulatur des Nackens wird belastet, wenn am Schreibtisch der Nacken weit nach vorn-oben geschoben wird. Auch die Schultern werden dabei oft weit nach vorn geschoben, wodurch sich die Brustmuskulatur verkürzt und ein Rundrücken (turtle-Panzer) entsteht.

 

Die Muskulatur des unteren Rückens leidet hingegen, wenn der Rücken rund bleibt: Die Bandscheiben werden nach außen gedrückt, das Gewicht lastet auf den unteren Segmenten der Wirbelsäulen-Muskulatur.

 

Und die Hüfte leidet, weil durch die ständig angewinkelte Beinhaltung Hüftbeuger und Hüftstrecker verkürzen. (Sie sind eigentlich zum Laufen und zum Überwinden von Hindernissen gemacht.) Dadurch können sich Probleme in der unteren Wirbelsäule verstärken oder auch in die Beine ausstrahlen.

 

In der Öffentlichkeit sieht man auf der Strasse, in öffentlichen oder privaten Verkehrsmitteln, in Cafés, Kinos, Bibliotheken (also eigentlich überall) von ihrem Smartphone hypnotisierte Menschen. Wenn man nicht gerade selbst von einem Screen gebannt ist.

 

Da es zu anstrengend ist, das Gerät dauerhaft mit den Armen auf Augenhöhe anzuheben, wird der Kopf nach vorn unten auf das Display geneigt. Dadurch entstehen enorme Zugkräfte: Je weiter der Kopf nach vorn geneigt wird, desto mehr Gewicht zieht an der Haltemuskulatur von Hals und Nacken. Bei einem Winkel von ca. 60° nach vorn-unten trägt die Muskulatur allein 25-30 Kilogramm Kopfgewicht: Wird die Belastung nicht ausgeglichen, entsteht der sogenannte Handy-Nacken.

Handy-Nacken
das Smartphone ruft...

Weitere Schäden können in den Sehnen und Muskeln der Hand- und Armmuskulatur entstehen (Mausarm, Handy-Daumen, Sehnenscheidenentzündungen, Karpaltunnelsyndrom, Ulnaris-Syndrom).

 

Es lohnt sich also, bei exzessivem Schreiben am Bildschirm oder inniger Liebe zum Smartphone auf fünf Dinge zu achten, um möglichst lange ohne Orthopäden und Physiotherapeuten auskommen zu können:

 

  • Grundkenntnisse in Arbeitsplatz-Ergonomie. Viele Anleitungen finden sich im Netz. Es gilt, die oben beschriebenen Fehler zu vermeiden und die Wirbelsäule auch im Sitzen und beim Schreiben in eine möglichst unverkrampfte, mobile und symmetrische Position zu bringen. Fortgeschrittene nehmen Feldenkrais- oder Alexandertechnik-Unterricht, um mit möglichst wenig Aufwand möglichst natürliche und leichte Bewegungen zu erlernen.
  • Selbstkontrolle: Die beste Ergonomie nützt nichts, wenn nach einer halben Stunde Schreibtischarbeit der Körper in sich zusammenfällt oder eine Schonhaltung (meist genau die falsche) einnimmt und darin einfriert. Der Körper muss also immer wieder aus ungünstigen Positionen hinausjustiert werden. Übrigens ist auch der Atem oftmals flach oder stockt, wenn man konzentriert und mit relativ viel Anspannung arbeitet, was sowohl Auswirkung von ungünstiger Haltung und innerem Stress ist, als auch beides verstärkt. Es kann sich also auch lohnen, immer wieder bewusst auf den Atem zu achten und wieder tiefer ein- und auszuatmen.
  • Positionswechsel und Pausen: Ein Orthopädie meinte einmal auf die Frage, was denn die beste Sitzhaltung sei: „Immer die nächste.“ Je nach „Trainingszustand“ sollte man sich angewöhnen, nie länger als eine bestimmte Zeit (zum Beispiel 50 Minuten) zusammenhängend am Schreibtisch zu sitzen. Während der Arbeit kann man dynamisches Sitzen ausprobieren. Entweder auf wackligen, schwingenden Sitzflächen. Dafür gibt es physiotherapeutische Kissen. Oder auf leider recht teuren Sitzmöbeln.
  • Ausgleichende Gymnastik, Yoga, Pilates, Stretching und Krafttraining helfen, verkürzte Muskulatur wieder aufzudehnen und unterbeanspruchte Muskulatur zu kräftigen. Auch die natürliche Bewegung beim Gehen bei längeren Spaziergängen bringt den Körper wieder ins Lot. Wer Fitness-Studios mag, kann ein gezieltes Krafttraining für den Rücken absolvieren, wobei die meisten Fitness-Übungen an Studio-Geräten eigentlich auch durch Übungen zu Hause mit und ohne Hilfsmittel imitiert werden können.
  • Entspannung: Entweder erreicht man diese schon durch ein Ausgleichs-Sportprogramm wie Gymnastik, Yoga oder Schwimmen. Oder sie ist noch ausbaufähig. Es gibt viele Möglichkeiten: vom Spazierengehen, Atemtechniken, progressiver Muskelentspannung, autogenem Training bis hin zu Musikhören oder kreativen Tätigkeiten. Durch die Entspannung senkt sich der Muskeltonus. Der Stresshormonhaushalt (Cortisol, Adrenalin) wird insgesamt heruntergefahren, was sämtliche psychischen und physiologischen Funktionen günstig beeinflusst. Man fühlt sich entspannt einfach besser.

 

Schreiben kann anstrengend sein. Für die Seele, wenn mit den Texten Anerkennung, Qualifikation oder Einkommen erzielt werden sollen. Aber auch für den Körper, wenn er sich stundenlang auf das Bedienen der Tastatur, das Starren auf den Screen oder auf Klicken und Wischen mit dem Daumen einstellt.

 

Das Internet lässt glauben, dass die Information unendlich kombinierbar ist und reibungslos fließt. Doch sowohl der Konsum von Information als auch ihre Produktion in Form von Texten verbraucht Energie an den Geräten und erzeugt im Körper schlimmstenfalls Schmerzen. Menschen sind eben doch mehr als nur Geist und Bild.

 

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