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Vom Sinn der Schreibblockade

Bei einer Schreibblockade stockt ein produktiver Prozess. Die Betroffenen beschreiben selbst sehr genau, wie es ihnen damit ergeht: Sie erleben sich als ohnmächtig. Willenskraft, Motivation, Disziplin, Kreativität, Freude am Arbeiten sind verloren gegangen. Stattdessen wachsen Unlust, Selbstzweifel, Selbstanklagen. Es entstehen ganz nebenbei allerlei Prokrastinationsmethoden. Dieser Zustand wird irgendwann als destruktiv, bedrohlich und quälend erlebt, und dies umso heftiger, je länger er andauert.

 

Das, was moderne Subjektivität ausmacht – Selbstbemeisterung, Weltbemeisterung als Quellen von sozialer Anerkennung und innerer Selbstbehauptung – scheint auf einem kleinen aber nicht unwichtigen Gebiet plötzlich zu versagen, und deshalb erlebt sich das betroffene Selbst als brüchig, fragil, ohnmächtig und in Frage gestellt.

 

Nicht selten geht es um die nächsten Karriereschritte (bei Abschlussarbeiten oder Dissertationen) oder um Einkommen (bei Auftragsarbeiten von Journalistinnen oder Autoren) – daher ist das bedrohliche Gefühl nicht nur imaginär. Neben dem Verlust von Selbstvertrauen, Vertrauen in die Selbstwirksamkeit, kann es auch zu Brüchen im Lebenslauf kommen, wenn die Blockade sich verselbständigt und Anforderungen nicht mehr erbracht werden können. Nicht gelieferte Anforderungen bedeuten verweigertes soziales Kapital in Form von Zeugnissen, Anerkennung, Aufstiegsmöglichkeiten und Einkommen.

 

Freunde und Freundinnen, Eltern, Hochschullehrerinnen und Dozenten, Ratgeber im Netz und in Buchform drängen sich schnell auf, um diesen quälenden und potentiell bedrohlichen Zustand zu beenden. Das einstimmige Credo lautet: „Es muss was getan werden.“ Ratgeberliteratur verspricht, mit Hilfe von Plänen und Strategien Schreibblockaden, Prokrastination und Arbeitsstörungen auflösen zu können. Diese Strategien beschreiben oftmals das, was geistig Arbeitende von ganz allein tun: Anfangen, dranbleiben, abschließen. Sie sagen:„Tu es einfach!“ und stellen verschiedene Methoden vor, wie dieses Tun aussehen kann und unbeschwerter wird.

 

Ratgeber Schreibblockade Prokrastination Arbeitsstörung
beliebiges Phantasie-Cover zum Thema Schreibblockade

 

Viele Betroffene machen die Erfahrung, dass erst einmal anzufangen den stockenden Prozess wieder ins Fließen bringt. Oftmals ist eine Schreibblockade also einfach „nur“ eine riesige Anfangsblockade, und die Ratgeber übernehmen die Funktion eines Über-Ichs für diejenigen, die sich selbst nicht mehr zu zielgerichteten Handlungen bewegen können. Druck von außen, der die fehlende Lust aus dem Innen kompensiert. Das kann oftmals schon reichen. Die wenigsten Schreibblockaden enden denn auch wirklich „tragisch“, nicht im Weltuntergang oder im Biographie-Untergang. 

 

Oftmals aber reicht der Anstupser von außen (noch) nicht. Die Initialzündung scheint dann magisch zu bleiben, ein unergründlich hemmendes Geheimnis bleibt auf unbestimmte Zeit unlösbar. Doch gibt es nicht auch eine Klugheit in dieser unverständlichen und quälenden inneren Arbeitsverweigerung?

 

Oder ist sie einfach nur absurd? So absurd wie die bürgerliche Zusammenkunft in Buñuels Film „Der Würgeengel“, die es nicht mehr vermag, den Salon zu verlassen, in dem abends noch gefeiert wurde, obwohl doch alle Türen offenstehen? Erst wird der Abschied immer mehr hinausgezögert und werden diverse sozial akzeptable Gründe für das Noch-Dableiben gefunden (Sympathie, Spaß, noch eine Geschichte, die man hören oder erzählen will und schließlich unendliche Müdigkeit). Doch als am nächsten Morgen immer noch niemand den Raum verlässt, wird das Nicht-Gehen-Wollen zu einem deutlichen Nicht-Gehen-Können, das die Gesellschaft zunehmend in Unruhe versetzt. Im unsichtbaren Gefängnis entfalten sich die Abgründe der Beziehungen untereinander, und als im Verlauf der Tage die Ressourcen zum Überleben knapp werden, bricht die bürgerliche Zivilisiertheit der unfreiwillig zusammengehaltenen Gruppe komplett zusammen…

 

Schreibhemmung und Schreibblockade
unsichtbar gefangen

 

Dieser Zustand des Nicht-Wollen-Könnens erzeugt Stress, besonders wenn wie im Film doch alle Türen offen zu stehen scheinen und das Nicht-Wollen-Können unerklärbar bleibt. Stress schwächt im Gegenzug weiter die Willenskraft und Selbstbeherrschung. Daher nutzen Selbstanklagen, Selbstvorwürfe nichts, solange die Gründe für das Feststecken nicht bekannt sind. Und daher ist manchmal auch der Anstupser von außen kontraproduktiv, weil durch ihn das Gefühl von Druck verstärkt wird, wenn die unsichtbare Mauer trotzdem einfach nicht zu überwinden ist.

 

Die Ursachen von Stress sind in der heutigen Zeit vielfältig: Dauerinformationskonsum, Leistungsanforderungen, Bedrohungsgefühle angesichts der Weltlage, Bedrohungsgefühle angesichts knapper Ressourcen (Wohnraum, Arbeitsplätze, Stipendien), eine Atmosphäre von Konkurrenz, gesundheitliche, psychische Probleme, erlebte und unverarbeitete Traumata…

 

Davon ist inzwischen fast jede und jeder auf irgendeine Weise betroffen, und daher boomen Ratgeberliteratur und Internetportale zu Gesundheitsthemen, Ernährung, Ethik, Psychologie, Meditation, Achtsamkeit. Viele kennen sich erstaunlich gut aus in den Methoden der Entspannung, Yoga, Ernährung. Und viele wenden dieses Wissen auch an. Trotzdem bleibt vielfach das Gefühl von Gestresst- und Gehetztsein, Nicht-Hinterherkommen, Erschöpfung und Verzweiflung bestehen. Nicht mehr schreiben oder arbeiten zu können ist nur ein mögliches Symptom, und für den Ausweg daraus gibt es keinen Königsweg.

 

Daher bin ich skeptisch, was Ratgeber angeht, die versprechen, Schreibblockaden einfach auflösen, Prokrastinationsverhalten einfach abstellen zu können. Manchmal verlängern sie nur das, wogegen das prokrastinierende Selbst sich auflehnt: Druck und die (unausgesprochene) Erwartung, funktionieren zu müssen, Ziele erfüllen zu sollen, die gar nicht die eigenen sind oder die mehr Unlust und Qual bedeuten als Selbstverwirklichung und Freude.

 

Es ist, als würde jemand den Teilnehmern der Buñuelschen Feier raten, sie müssen nur einfach einen Fuß vor den anderen setzen – entweder ganz langsam, oder auch rückwärts, zu zweit, rhythmisch klatschend oder im Zustand der Meditation – und auf diese Weise durch die offene Tür gehen. Doch es mangelt ihnen ja nicht an der Fähigkeit zu gehen, sondern an der, die magische Schwelle zu passieren. Gegen diese Magie ist Rationalität mitunter machtlos. Und ein Denken, Fühlen und Handeln „out of the box“ wird nötig, vielleicht eines, das an ganz unerwarteter Stelle ansetzt und sich der universellen Ideologie der Machbarkeit entzieht.

 

Während für die einen also mehr Druck, Strukturierung und eine Anfeuerung zur Selbstdisziplin genau das Richtige ist, brauchen die anderen mehr Entspannung, Kreativität und Ruhepausen. Manchmal reicht ein einfaches Sich-Zusammenreißen, manchmal hilft das Durchforsten den Internets nach Schreibtipps oder eine Schreibberatung, ein Schreibkurs. Einige Betroffene verabreden sich zu Schreibtandems oder zu Bibliotheksbesuchen.

 

Manchmal steht aber auch eine längere Auseinandersetzung mit sich selbst, den eigenen Lebenszielen oder eine Trauma-Bearbeitung in einer Psychotherapie an. Oder der Lebensweg will radikal geändert werden. Oder Wut und Destruktivität brauchen einen kreativen Ausweg aus einer andauernd (selbst) geforderten Über-Anpassung.

es einmal rauslassen…
es einmal rauslassen…

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